Der Club der guten Mieter
Ein ManifestI.Die Lage
Auf eine gute Wohnung kommen heute Hunderte Bewerbungen. Und es hat sich eine Sitte eingeschlichen, die wir für falsch halten: Schon der unverbindlichen Anfrage nach einem Besichtigungstermin werden Gehaltsabrechnungen, Kontoauszüge und Selbstauskünfte beigelegt - an Fremde, in Postfächer, von denen niemand weiß, wer sie liest, wo sie liegen und wann sie gelöscht werden.
Es ist wie bei einem Konzert, bei dem alle aufstehen: Niemand sieht besser. Wer dreißig Mappen verschickt, gewinnt keinen Vorsprung - er verliert Zeit, Daten und ein Stück Selbstbestimmung. Und auf der anderen Seite des Tisches sitzt ein Vermieter, dem diese Flut ebenso wenig hilft: Dreißig Mappen beantworten nicht die eine Frage, die ihn wirklich beschäftigt - wer zu dieser Wohnung passt.
Das ist der Zustand, den Sumia nicht hinnimmt.
II.Eine Verwunderung
Ich habe meine Doktorarbeit über das Geheimnis geschrieben - genauer: über seine demokratietheoretische Ambivalenz. Die geläufige Erzählung kennt nur eine Richtung: Demokratie lebt von Transparenz, das Verborgene ist ihr verdächtig. Die Arbeit hat mich das Gegenteil gelehrt, jedenfalls zur Hälfte: Auch demokratische Vergesellschaftung braucht das Private, um gut zu funktionieren. Bürgerinnen und Bürger, die sich jeder Stelle vollständig offenlegen müssen - jeder Behörde, jeder Plattform, jeder Datensammlung -, werden dadurch nicht mündiger, nicht einmal erkennbarer. Sie werden verfügbar. Und die Flut täuscht auch den, der sammelt: Als die Mauer fiel, war ich elf - seither denke ich bei Aktenbergen an die Stasi, die alles über ihre Bürger wusste und sie gerade deshalb nie verstand. Zwischen Menschen wie zwischen Bürger und Institution gilt dasselbe: Vertrauen entsteht nicht durch immer mehr Offenlegung, sondern durch verlässliche Verfahren, die das Nichtgezeigte tragen.
Als wir Sumia zu bauen begannen, hatte ich dieses Wissen im Hinterkopf, aber es war nicht der Ausgangspunkt. Es ging mir zunächst um etwas anderes: das oft konfrontative Verhältnis von Mietern und Vermietern zu entspannen - für die, die das suchen. Denn dieser Markt ist merkwürdig geworden: Er lässt beide Seiten verlieren. Menschen finden keine Wohnung - und zugleich lassen private Eigentümer Wohnungen lieber leer stehen, als sie Unbekannten anzuvertrauen. Das ist kein Preisproblem. Es ist ein Vertrauensproblem.
Dann haben wir Hamburgerinnen und Hamburger gefragt, was sie an der Wohnungssuche am meisten belastet. Eine Antwort kam immer wieder: der Mangel an Privatheit. Nicht die Konkurrenz, nicht die Absagen - das Gefühl, die eigenen Daten immer wieder ausliefern zu müssen, um überhaupt gesehen zu werden.
Da habe ich mit einiger Verwunderung erkannt, dass wir längst an der These meiner Dissertation bauten. Die Wohnungssuche ist der Alltagsfall dieser Ambivalenz: ein Verfahren, das vollständige Durchleuchtung verlangt und dafür nicht einmal Vertrauen zurückgibt. Wir haben Privatheit daraufhin ins Zentrum gerückt - und Sumia hat sich dabei selbst verändert. Wir sind ein Club geblieben, aber ein demokratischer, kein exklusiver: Die Schwelle ist ein Verfahren, das jeder in gutem Glauben durchlaufen kann - kein Kreis, in den man hineingeboren wird, und kein Preis, den nur manche zahlen können. Sumia ist ein Unternehmen, und wir leben von den Beiträgen unserer Mitglieder. Aber wir verdienen daran, dass Menschen souveräner werden - nicht daran, dass sie sich ausliefern. Seit mir das klar ist, fühlt sich die Arbeit anders an: weniger wie ein Geschäftsmodell mit Haltung, mehr wie eine Haltung mit Geschäftsmodell.
III.Was Sumia ist
Sumia ist ein kuratierter Club für Mieter, die zwei Verpflichtungen eingehen. Die erste: sorgsamer Umgang mit der Wohnung - bewohnen, pflegen, erhalten, und ordentlich zurückgeben. Die zweite: im Konflikt zuerst das Gespräch - ob es um eine Nebenkostenabrechnung geht oder um Eigenbedarf.
Jedes Mitglied hat ein eigenes Profil unter einer festen, bleibenden Adresse. Es zeigt, was sonst nirgends belegt ist: die bestätigte Identität, die belegte Wohn-Reputation - Station für Station, jede bestätigt durch den Vermieter, der sie erlebt hat - und die Bestätigung, dass die angestrebte Miete komfortabel zu tragen ist, bis zu einer Grenze, die das Mitglied selbst setzt und im Profil nennt. Als Zahl erscheint davon nichts: Wer das Profil liest, erfährt, dass es trägt - nicht, was jemand verdient.
Das Profil gehört dem Mitglied. Es reist mit, von Wohnung zu Wohnung, von Stadt zu Stadt - wie ein LinkedIn-Profil fürs Wohnen: Jedes Jahr, jede bestätigte Station macht es substanzieller. Es ist kein Dokument, das man erstellt und vergisst. Es ist ein Besitz, der reift - gerade in den Jahren, in denen man ihn nicht braucht.
Sumia bestätigt, wo ein Mitglied gewohnt hat und wohnt, dass es die Miete bis zu seiner selbst gesetzten Grenze komfortabel trägt, und wozu es sich verpflichtet hat. Sumia bewertet nicht, vergibt keine Punkte und führt keine Ranglisten. Ein Mitglied ist bestätigt, oder es ist nicht Mitglied - dazwischen gibt es nichts abzustufen. Bestätigt, nicht bewertet.
IV.Wie das Profil reist
Vor der Besichtigung verschicken unsere Mitglieder keine persönlichen Dokumente. Was ein Vermieter sieht, ist die Bestätigung - freigegeben vom Mitglied selbst, für diesen einen Empfänger, befristet, jederzeit widerruflich. Wer freigibt und widerrufen kann, ist kein Bittsteller. Er ist Gastgeber seiner eigenen Daten.
Und wenn es ernst wird, legt das Mitglied seine Unterlagen selbstverständlich vor - im Original, vor der Unterschrift, bei dem einen Vermieter, der seiner wird. Nicht als Scan bei dreißig. Die verbindliche Prüfung der Unterlagen bleibt beim Vermieter, die Entscheidung auch.
Was entfällt, ist die Streuung: keine Gehaltsabrechnung mehr in dreißig fremden Postfächern, keine Ausweiskopie, von der niemand weiß, wann sie gelöscht wird. Was bleibt, ist die Sorgfalt.
V.Die Selbstverpflichtung
Der Club ist vor allem eine Selbstverpflichtung. Nichts daran ist Verzicht. Es ist eine Haltung: Verlässlichkeit als Form von Souveränität.
Sie hat zwei Seiten. Die Wohnung: etwas Anvertrautes, das wir bewohnen, pflegen und ordentlich zurückgeben. Und der Konflikt: Auch das gute Mietverhältnis kennt Reibung - wir begegnen ihr zuerst im Gespräch, und wo es hakt, mit einem Mediator, selbst gewählt aus einem Kreis, den Sumia kuratiert.
Zuerst heißt dabei zuerst, nicht anstelle: Diese Verpflichtung nimmt niemandem ein Recht, sie ordnet die Reihenfolge. Und sie ist freiwillig, einseitig, unser Wort - niemandem sonst wird etwas auferlegt.
VI.Die Schwelle - und dass sie hält
Mitglied wird man nicht per Formular. Die Aufnahme ist eine Schwelle: ein persönliches Gespräch, eine sorgfältige Bestätigung, eine Selbstverpflichtung, die man eingeht. Maßstab ist nicht, wo jemand herkommt oder was er besitzt - Maßstab ist, wozu er bereit ist, sich zu verpflichten, und ob seine Angaben tragen. Wer jemand ist, sagt er selbst: im Gespräch, und später im eigenen Profil.
Und die Schwelle liegt nicht hinter einem, wenn man sie überschritten hat. Die Verpflichtungen gelten weiter - wer sie bricht, verliert die Mitgliedschaft, und mit ihr das Profil. Genau darin liegt der Wert des Siegels: Es bescheinigt keinen Tag, es bescheinigt einen Zustand. Wer ein Sumia-Profil zeigt, hält seine Verpflichtungen bis heute.
VII.Was Sumia nicht tut
Sumia vermittelt keine Wohnungen, inseriert nicht und schlägt Vermietern niemanden vor - wer ein Profil sieht, sieht es ausschließlich, weil das Mitglied es ihm gegeben hat. Sumia verkauft keine Daten und gibt nichts weiter. Und Sumia entscheidet keine Konflikte und bewertet keine Mitglieder: Die Bestätigung ist ein Verfahren, kein Schiedsspruch.
Diese Grenzen sind keine Bescheidenheit. Sie sind der Grund, warum dem Siegel zu trauen ist: Eine Plattform, die nicht von Vermittlung lebt, hat kein Interesse an einer bestimmten Transaktion - nur am Bestand ihrer Mitglieder.
VIII.Der Ort
Mitglied werden kann man überall. Das Profil, die belegte Wohn-Reputation, die Hoheit über die eigenen Daten - alles daran ist in München dasselbe wie in Hamburg, in Leipzig dasselbe wie in Köln.
Einen Ort hat nur die Arbeit an der Akzeptanz, und sie beginnt in Hamburg: Hier entstehen die ersten Stellen, die das Profil ausdrücklich als Bewerbungsunterlage annehmen. In jede weitere Stadt tragen wir diese Arbeit, sobald dort Mitglieder sind. Die Mitglieder einer Stadt gehen ihrer Akzeptanz voraus - nicht umgekehrt. Wer heute anderswo beitritt, wartet nicht auf Sumia. Er ist der Anfang von Sumia an seinem Ort.
IX.Wofür das alles
Wir glauben, dass Verlässlichkeit sichtbar sein darf, ohne dass man sich dafür entblößen muss. Dass Privatheit kein Hindernis für Vertrauen ist, sondern seine Bedingung. Und dass ein Markt, in dem sich Hunderte Fremde gegenseitig durchleuchten, nicht der letzte Stand der Dinge sein kann.
Sumia ist für Menschen gebaut, die Verbindlichkeit als Stärke verstehen - und die auftreten wollen als die, die sie sind: verbindlich, glaubwürdig, wiedererkennbar. Zu ihren eigenen Bedingungen.
