Zu früh
Auf eine gute Wohnung kommen in Hamburg schnell Hunderte Bewerbungen. Entsprechend groß ist der Druck, schon bei der ersten Nachricht möglichst vollständig zu wirken. Also geht häufig direkt die ganze Mappe mit: Gehaltsabrechnungen, Kontoauszüge, Selbstauskunft, teilweise sogar eine Ausweiskopie. Und das an Menschen, die man noch nie gesehen hat.
Das ist ein bisschen wie bei einem Konzert, bei dem irgendwann alle aufstehen. Niemand sieht dadurch besser. Aber wer sitzen bleibt, sieht plötzlich gar nichts mehr. Bei Wohnungsbewerbungen beobachte ich etwas Ähnliches: Viele schicken vorsorglich alles mit, weil sie davon ausgehen, dass es die anderen genauso machen. Dabei ist ein Großteil dieser Informationen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht notwendig.
Nach der Orientierungshilfe der Datenschutzbehörden von Bund und Ländern, zuletzt im Januar 2026 überarbeitet, sind Angaben zu den wirtschaftlichen Verhältnissen vor einer Besichtigung in aller Regel nicht erforderlich. Einen Ausweis kann man vorzeigen. Eine Kopie halten die Behörden dagegen für unzulässig. Einkommensnachweise sind erst deutlich später vorgesehen, wenn die Wohnung vergeben werden soll und der Vertragsabschluss konkret wird.
Die Unterlagen selbst sind also nicht das Problem. Entscheidend ist, wann sie verlangt werden und wie viele Menschen sie erhalten.
Zu riskant
Als wir angefangen haben, Sumia zu entwickeln, habe ich dieses Thema zunächst vor allem als Frage der Selbstbestimmung gesehen. Warum sollte jemand sehr persönliche Informationen an viele unbekannte Empfänger schicken müssen, nur um überhaupt für eine Besichtigung berücksichtigt zu werden?
Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto deutlicher wurde mir, dass es dabei nicht nur um Selbstbestimmung geht, sondern auch um Sicherheit.
Die Verbraucherzentrale NRW warnt vor gefälschten Wohnungsinseraten, mit denen Kriminelle an Geld oder persönliche Daten gelangen wollen. Besonders problematisch sind Ausweiskopien, Selbstauskünfte und andere Dokumente, die weit mehr Informationen enthalten, als für eine erste Anfrage notwendig wären.
Wie konkret solche Fälle werden können, zeigt eine Anklage der Berliner Staatsanwaltschaft vom August 2025, über die die Berliner Zeitung berichtet hat. Ein Mann soll sich als Mitarbeiter nicht existierender Hausverwaltungen ausgegeben und Wohnungen angeboten haben, die es so nicht gab. Von Interessenten soll er Angaben zu Einkommen und Arbeitgeber verlangt und diese anschließend unter anderem genutzt haben, um Konten zu eröffnen und Kredite aufzunehmen.
Die Betroffenen sollen sogar selbst Identifizierungsverfahren bei Banken durchlaufen haben, weil sie glaubten, dies gehöre zum Bewerbungsprozess.
Hinzu kommt, dass gefälschte Inserate nicht unbedingt als solche zu erkennen sind. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen weist darauf hin, dass dafür teilweise echte Fotos und Daten aus bestehenden Anzeigen verwendet werden. Auch Ausweiskopien, mit denen vermeintliche Vermieter Vertrauen schaffen, können von unbeteiligten Dritten stammen.
Genau deshalb ist es problematisch, dass vollständige Unterlagen so früh im Prozess fast selbstverständlich geworden sind.
Und einmal verschickt, lässt sich kaum noch kontrollieren, wo diese Dokumente landen. Wer seine Gehaltsabrechnung an zwanzig oder dreißig Stellen sendet, weiß am Ende nicht mehr, wer darauf zugreifen kann oder wie lange sie dort gespeichert bleibt.
Zu ähnlich
Trotz all dieser Unterlagen werden Bewerbungen nicht automatisch aussagekräftiger.
Auf eine meiner eigenen Wohnungen in Hamburg kamen im August innerhalb weniger Tage 245 Bewerbungen. Fünf Personen wurden zur Besichtigung eingeladen. Die übrigen Bewerbungen konnten noch so sorgfältig zusammengestellt sein. Wenn fast alle dieselben Unterlagen einreichen, entsteht dadurch kaum ein Unterschied.
Das liegt nicht an den Bewerbern. Die meisten versuchen lediglich, in einem angespannten Markt alles richtig zu machen. Gleichzeitig werden Bewerbungen immer schneller erstellt und verschickt. Dadurch werden sie vollständiger, aber nicht automatisch glaubwürdiger.
Für mich liegt genau hier der entscheidende Unterschied: Natürlich kann jeder etwas über sich selbst schreiben. Eine Information bekommt aber ein anderes Gewicht, wenn sie von einer unabhängigen Stelle bestätigt wurde.
Was Sie heute tun können
Vieles lässt sich bereits ändern, ohne Sumia zu nutzen oder irgendwo Mitglied zu werden.
- Für Anfrage und Besichtigung reichen zunächst wenige Angaben. Einkommensnachweise werden erst relevant, wenn es konkret um den Vertragsabschluss geht.
- Zeigen statt verschicken. Einen Ausweis kann man vorlegen, ohne eine Kopie dauerhaft aus der Hand zu geben. Ist eine Kopie tatsächlich erforderlich, sollten nicht benötigte Angaben geschwärzt werden.
- Warnsignale ernst nehmen. Dazu gehören Geldforderungen vor einer Besichtigung, ungewöhnlich günstige Angebote, vermeintliche Vermieter im Ausland oder Identifizierungsverfahren als Voraussetzung für einen Besichtigungstermin.
- Im Betrugsfall schnell reagieren. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen empfiehlt unter anderem, Beweise zu sichern, das Immobilienportal zu informieren und Strafanzeige zu stellen.
Wie wir es bei Sumia lösen
Genau an dieser Stelle haben wir bei Sumia angesetzt: nicht bei noch mehr Unterlagen, sondern bei der Frage, wann welche Information überhaupt gebraucht wird.
Unsere Mitglieder werden einmal in einem persönlichen Gespräch bestätigt. Dabei geht es unter anderem um die Identität und darum, ob die angestrebte Miethöhe zur finanziellen Situation passt. Ausweis und Einkommensnachweis werden dafür gezeigt, nicht dauerhaft als Teil des Profils gespeichert.
Danach kann das Mitglied bei einer Wohnungsbewerbung seine Sumia-Visitenkarte teilen. Der Link gilt für die jeweilige Bewerbung, ist zeitlich begrenzt und kann widerrufen werden.
Das Prinzip dahinter: bestätigt, nicht bewertet.
Es gibt keinen Score, keine Rangliste und keine öffentlich sichtbare Einkommenszahl.
Die eigentlichen Unterlagen kommen erst dann ins Spiel, wenn eine Wohnung konkret vergeben werden soll. Prüfung und Entscheidung bleiben beim Vermieter. Sumia vermittelt keine Wohnungen.
Auch Sumia kann nicht feststellen, ob ein Inserat echt ist. Was sich aber verändern lässt, ist die Menge an persönlichen Informationen, die in einer frühen Phase überhaupt verschickt wird.
Was nicht verschickt wurde, kann auch nicht in einem fremden Postfach liegen.
Zum Schluss
Eine Wohnungsbewerbung muss nicht schon bei der ersten Nachricht aus einer vollständigen persönlichen Akte bestehen.
Unterlagen haben ihren Platz im Bewerbungsprozess. Aber möglichst dort, wo sie tatsächlich gebraucht werden: spät genug, gezielt und an möglichst wenige Empfänger.
Das verhindert keinen Betrug vollständig. Es reduziert aber die Zahl sensibler Dokumente, die unnötig verteilt werden.
Und vielleicht sollte am Ende nicht die Bewerbung mit den meisten Unterlagen am meisten Vertrauen schaffen, sondern diejenige, bei der relevante Angaben nachvollziehbar bestätigt sind.

